Impfung

Impfmythen – ein Faktencheck

Im Internet kursieren die wildesten Gerüchte zur Impfung – die Skepsis ist groß. Was darf man glauben? Viele anerkannte Wissenschafter, seriöse Journalisten, Medien und auch unsere Mediziner haben die häufigsten einem Faktencheck unterzogen.

1. Verändern Covid-19-Impfstoffe das menschliche Erbgut?

mRNA Impfstoffe können die DNA (=Erbgut) nicht verändern.

Die Impfung sei ein „riesiges Gentechnik-Experiment, Ausgang ungewiss“, wurde behauptet. Tatsächlich fürchten viele Menschen, dass die erstmals zugelassenen mRNA-Impfstoffe das Erbgut manipulieren könnten. Dies sei laut dem deutschen Paul-Ehrlich-Institut jedoch wissenschaftlich ausgeschlossen. Der Infektiologe Herwig Kollaritsch fügt hinzu: „RNA einfach in DNA umzuschreiben, ist unmöglich.“ Es gäbe zwar Enzyme, welche dazu in der Lage seien. Diese kommen allerdings nur in gewissen Viren vor, wie etwa bei HIV. Die Corona-Impfung kann somit nicht in die menschliche DNA eingreifen.

2. Macht die Corona-Impfung Frauen unfruchtbar, gibt es Probleme in der Schwangerschaft?

Normale Schnupfenviren haben eine viel größere Ähnlichkeit zu Plazenta-Molekülen (Bestandteile der Gebärmutter). Und wenn eine Frau Schnupfen hatte, ist sie deshalb auch nicht unfruchtbar. Hingegen ist die Chance als Schwangere schwerer an Covid-19 zu erkranken um ein vielfaches höher. In Ländern mit hoher Durchimpfungsrate wurden sowohl Männer als auch Frauen (geimpft/ungeimpft) untersucht. Bezüglich der Fruchtbarkeit und Zeugungsfähigkeit gab es keine Unterschiede.

Eine weitverbreitete Sorge bezüglich neuartiger Impfstoffe: Unfruchtbarkeit. Das war schon im Kampf gegen Kinderlähmung in Nigeria der Fall und ist auch bei Corona ein oft verbreiteter Mythos. Die von der Impfung ausgelöste Immunreaktion soll nicht nur das Virus angreifen, sondern auch ein plazentabildendes Eiweiß, das mit dem Spike-Protein der SARS-CoV-2-Viren Übereinstimmungen aufweist. Die Gemeinsamkeiten der Proteine seien jedoch minimal, viel zu gering, um eine ungewollte Abwehrreaktion auszulösen, erklärt die Virologin Priv.-Doz. Ing. Dr. Monika Redlberger-Fritz. Außerdem müsse die Angst vor Unfruchtbarkeit dieser Logik folgend auch bei jedem Schnupfen bestehen, denn: „Das Protein der Plazenta stimmt mit dem für eine Erkältung verantwortlichen Rhinovirus deutlich mehr überein als mit dem Spike-Protein des Coronavirus.“

Die Impfung hat keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit, sagt auch Univ. Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt (Professorin für Vakzinologie und Leiterin des Instituts für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien). Auch auf der Webseite des österreichischen Gesundheitsministeriums steht der Hinweis: „Tierexperimentelle Studien lassen nicht auf direkte oder indirekte schädliche Wirkungen in Bezug auf Schwangerschaft, embryonale/fötale Entwicklung, Geburt oder postnatale Entwicklung schließen.“
Entstanden ist das Gerücht um Probleme in der Schwangerschaft wohl, weil es eine Ähnlichkeit zwischen einem Molekül in der Plazenta und SARS-CoV-2 gibt. Daher die Angst, Antikörper könnten auch die Plazenta angreifen. „Das ist Unsinn. Damit Moleküle sich ähnlich sind, müssten die Aminosäuren zu 80 bis 90 Prozent gleich strukturiert sein. In diesem Fall wiederholen sich aber nur einzelne Sequenzen“, stellt Wiedermann-Schmidt klar. Sie betont: „Schnupfenviren haben eine viel größere Ähnlichkeit. Und wenn eine Frau Schnupfen hatte, ist sie deshalb auch nicht unfruchtbar.“

Die Empfehlung der EU-Arzneimittelagentur lautet: Schwangere Frauen sollten sich nur dann impfen lassen, wenn mögliche Vorteile potenzielle Risiken für Mutter und Fötus überwiegen.

Im Ö1 Mittagsjournal stellt Infektiologe Prim. Univ.-Doz. Dr. Christoph Wenisch, Leiter der Med. Abt. mit Infektiologie am SMZ Süd – KFJ-Spital klar:

Zu Fehlgeburten ist im September eine wunderbare Studie erschienen. Mit 250.000 Schwangeren. Eine Gruppe davon ist geimpft gewesen, eine Gruppe ist nicht geimpft gewesen. Und man hat angeschaut: Gibt es hier zwischen den beiden Gruppen einen Unterschied? Und: Da gibt es null Unterschied. Also das mit Fehlgeburten ist geklärt.

Ganz anders ist es mit Fehlgeburten bei Schwangeren, die an Covid erkranken. Das ist ein riesiges Thema. Erstens einmal ist es so, dass eine Covid-Erkrankung bei Schwangeren viel schwerer verläuft als bei Frauen, die nicht schwanger sind. Und zweitens kommt es hier auch zu Fehlgeburten und zu Frühgeburten.

Unfruchtbarkeit: Es gibt Länder, die sind sehr gut durchgeimpft und nicht ausgestorben. Dänemark ist ein solches Beispiel. Da ist auch überprüft worden, wie es ist. Fertilitätskliniken haben da gemessen, wie viele Eizellen pro Zyklus gebildet werden und wie die Eizellen pro Zyklus gebildet werden und wie die Spermienqualität ausschaut – vor der Impfung und nach der Impfung. Und auch hier ist gar nix gezeigt worden

3. Stellen gegen Covid-19-Geimpfte eine Gefahr für Ungeimpfte dar?

Nicht infizierte Personen können durch die Impfung das Virus auch nicht weitergeben.

Aus Angst vor geimpften Menschen Maske tragen? Dahinter steckt die Furcht vor sogenanntem Impfstoff-Shedding, der Ausbreitung des Virus über Geimpfte durch Hautkontakt oder Luft. „Das ist eine dominante Erzählung“, bestätigt die Psychologin Mag. Ulrike Schiesser. „Menschen wollen Geimpfte in der Familie zum Beispiel nicht mehr berühren.“ Laut dem klinischen Pharmakologen Markus Zeitlinger sei eine Verbreitung des Virus über die Impfung an sich jedoch unmöglich. Gegenüber profil erläutert er, dass es dafür ein vollständiges Virus brauche: „Bei einer Impfung wird aber nur ein kleiner Teil verabreicht.“ Daher könne die Krankheit durch nicht infizierte Geimpfte auch nicht übertragen werden.

Dass die Impfung ohnedies alle  Geimpften schützt und deshalb keine Panik angebracht ist, entkräftet Ojan Assadian, Ärztlicher Leiter des Landesklinikums WN und Spezialist für Infektionserkrankungen: „Geimpfte sind signifikant (zu 95-98%) vor einer Covid-19 Erkrankung geschützt, schwerste Erkrankungen sind eine Rarität. Neben dem eigenen Schutz hat die Impfung aber den erfreulichen Nebeneffekt, dass, wenn man aus welchen Gründen auch immer als geimpfter SARS-CoV-2 PCR positiv wird, die Dauer der Virusabgabe und die Menge des Virus extrem verkürzt und geringer sind. Gerade angesichts des noch immer viel zu hohen Anteils nicht geimpfter Mitbürger schützten die Geimpften nicht nur sich, sondern tragen auch zu einer erhöhten Sicherheit für Ihre Mitmenschen bei.“

4. Können Spätfolgen der Corona-Impfung ausgeschlossen werden?

Spät- oder Langzeitfolgen heißen deswegen so, weil lange Zeit viele Menschen geimpft werden müssen, bis unerwünschte Nebenwirkungen bei einzelnen auftreten. Der Körper baut nämlich die Covid-Impfstoffe innerhalb kurzer Zeit ab.

Aus Erfahrung mit bisherigen Impfstoffen weiß man: Praktisch alle Nebenwirkungen treten innerhalb von zwei Monaten nach einer Impfung auf, erklärt Herwig Kollaritsch. Einen Hinweis auf derartige schwerere Nebenwirkungen habe es bei den CoV-Impfstoffen noch keinen gegeben, daher sei auch das Risiko für Langzeitfolgen unwahrscheinlich gering.  Um solche Langzeitfolgen zu 100 Prozent ausschließen zu können, wären Studien über Jahrzehnte hinweg notwendig, heißt es auf der Internet-Seite des Gesundheitsministeriums.

Der Nutzen müsse dem möglichen Risiko jedoch immer gegenübergestellt werden. Ein oft zitierte Satz von Kollaritsch zu diesem Thema: „Wenn Sie die Impfung nicht mögen, versuchen Sie es mit der Erkrankung.“ Dem pflichtet auch Public-Health-Expertin Kunze bei. Denn die Wahrscheinlichkeit, sich als Ungeimpfter zu infizieren und Langzeitfolgen der Covid-19-Krankheit davonzutragen, sei um ein Vielfaches höher als das Risiko, langfristige  Impfschäden zu erleiden. Die Impfung ist  also der deutlich sichere Weg, sich vor langfristigen  Gesundheitsfolgen zu schützen, betonen die Experten.

Molekularbiologe und Science Buster Martin Moder, PhD. zu Langzeitfolgen

Langzeitfolgen sind nicht gleich Nebenwirkungen

Der richtige Gebrauch der Begriffe ist dabei wichtig. Wenn Mediziner von Langzeitfolgen sprechen sind keine Nebenwirkungen gemeint, die erst sehr lange nach Impfung auftreten. Gemeint sind vielmehr sehr seltene Nebenwirkungen – es müssen Impfstoffe sehr lange angewandt werden, bis diese überhaupt auftreten. Petra Falb, Gutachterin für Impfstoffe von der AGES Medizinmarktaufsicht, erklärt es ausführlich auf ihrem privaten Blog in einfachen Worten.

5. Wie sieht es mit der Zulassung der Impfstoffe aus?

Die Impfstoffe gegen Covid-19 sind in den Ländern der europäischen Union regulär zugelassen. Es gibt hierzulande KEINE Not(fall)zulassung. Es wurde nur der Zulassungsprozess beschleunigt, ohne dabei die Qualität zu vernachlässigen.

„Notzulassung wird übergangen“, hört man immer wieder. Die „Wechsel-, Neben- und langfristigen Folgewirkungen“ der Corona-Impfstoffe seien nicht bekannt. Eine Angst, die viele Impfskeptiker teilen. Anders als etwa in den USA gab es in der EU jedoch keine Notfallzulassung. „Das war ein völlig reguläres Prozedere“, erklärt Infektiologe Kollaritsch. Es seien lediglich mehrere Studienphasen parallel durchgeführt und damit der Prozess beschleunigt worden.

„Notfallzulassung“ ist ein sogenanntes Totschlagargument in vielen Diskussionen – die meisten Menschen können nicht dagegen argumentieren, da es in der Tat schon seltsam ist, dass die Impfstoffe so schnell fertig sind und man ja auch in der Presse immer wieder den Begriff las. Doch was gerne übersehen wird: In Europa gibt es gar keine Notfallzulassungen!

Die bedingte Marktzulassung – mehr als nur Wortklauberei

Ende letzten Jahres schauten viele neidisch in Richtung USA und Großbritannien, als dort schon geimpft wurde, während wir noch warten mussten. Gerne wurde dann auch gemeckert, dass dies typisch EU wäre: immer zu langsam. Doch Langsamkeit war gar nicht der Grund, sondern Gründlichkeit! Denn tatsächlich gab es in den USA und Großbritannien eine echte Notfallzulassung für die Impfstoffe, in der EU jedoch nicht. Der Grund ist recht einfach: Notfallzulassungen sind in der EU kaum geregelt. Man hätte auf die Schnelle neue Gesetze dafür schaffen müssen, weswegen man auf das zurückgriff, was tatsächlich auch geregelt ist: die bedingte EU-Marktzulassung. Und diese unterscheidet sich stark von einer Notfallzulassung.

Von den Anforderungen her muss eine bedingte Marktzulassung alle Punkte erfüllen, die auch eine ordentliche Marktzulassung mit sich bringt. Allerdings liegen weniger Daten vor. Diese müssen „on the roll“, also ständig nachgeliefert werden. Durch die Auswertung der ständig neu auftauchenden Daten erklärt sich auch das Hin und Her, was viele Menschen verunsichert: Mal wird beispielsweise der Impfstoff von AstraZeneca zurückgezogen, dann wieder erlaubt, mal ist der eine Impfstoff, dann wieder der andere besser. Die Punkte, welcher bei einer bedingten Marktzulassung beachtet werden müssen, sind auch sehr viel umfangreicher. Zusätzlich zur Wirksamkeit und Sicherheit müssen auch folgende Punkte erklärt und ständig überwacht werden:

  • die Gruppe der Personen, denen der Impfstoff zu verabreichen ist;
  • die pharmazeutische Qualität und Reinheit des Impfstoffs;
  • die Herstellung und Kontrolle von Chargen;
  • die Einhaltung der internationalen Anforderungen für Laboruntersuchungen und die Durchführung klinischer Prüfungen;
  • die Arten von Immunreaktionen;
  • die Nebenwirkungen z. B. bei älteren Menschen oder Schwangeren;
  • die Etikettierung und Packungsbeilage;
  • die Art und Weise, wie Risiken gehandhabt und überwacht werden, sobald der Impfstoff zugelassen ist.
  • Es wird auch noch längere Zeit bei einer bedingten Marktzulassung bleiben, also der Möglichkeit, einen Impfstoff sofort wieder zurückziehen zu können, da durch die Schnelligkeit der Entwicklung noch einige Punkte ungeklärt sind.

6. Schadet die Corona-Impfung Kindern und Jugendlichen?

Die Covid-Impfung zwischen dem elften und 17. Lebensjahr ist bereits millionenfach verabreicht worden und man kann davon ausgehen, dass die Impfung wirklich eine der ganz sicheren ist

Soll man seinen Nachwuchs gegen Covid-19 impfen lassen? Einige bezeichnen die Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche sogar als „völlig unzureichend getestetes Genspritzmittel“. Der Infektiologe Kollaritsch hält entgegen: „Diese Aussage disqualifiziert sich selbst.“ Natürlich gäbe es noch nicht so viele Studiendaten zu Impfstoffen bei jungen Menschen wie bei Erwachsenen. Aber: Immerhin seien bereits mehr als acht Millionen Kinder und Jugendliche in den USA geimpft. Die Erfahrungen? Gut, so der Experte.

Langfristig gäbe es „keine Alternative zur Impfung von Kindern und Jugendlichen“, so Kollaritsch, denn dass die Jugend die Krankheit ohnehin problemlos überstehen würde, lässt er nicht gelten: „Über die Häufigkeit von Postcovid-Problemen bei Kindern wissen wir noch viel zu wenig.“ Auch der Kinderinfektiologe Volker Strenger verweist in diesem Zusammenhang auf eine in Österreich durchgeführte Studie, nach der acht Prozent der unter 14-Jährigen noch drei Monate nach einer Infektion unter gesundheitlichen Beschwerden leiden. Im Einzelfall sei es jedoch nicht immer leicht, Postcovid-Symptome von anderen Einflüssen abzugrenzen, weswegen weitere Forschung nötig sei. Dennoch meint der Experte: „Es gibt andere Erkrankungen, die für Kinder weit weniger bedrohlich sind, gegen die wir selbstverständlich impfen.“

Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer Karl Zwiauer, sprach sich in einem Interview für die Impfung von Kindern aus: „Wir kennen keine Kinderkrankheit, die so belastend ist wie die Covid-Erkrankung“, berichtete der Kinderarzt und Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Universitätsklinikum St. Pölten.

Die Covid-Impfung zwischen dem elften und 17. Lebensjahr sei bereits millionenfach verabreicht worden und man könne davon ausgehen, „dass die Impfung wirklich eine der ganz sicheren“ ist, sagte er. Darüber hinaus dürfe man die Krankheitslast der Kinder bei Covid-19 nicht mit jener der Erwachsenen vergleichen, sondern müsse herkömmliche Kinderkrankheiten als Vergleich heranziehen: „Keine der herkömmlichen und derzeit durch Impfungen bekämpfbaren Kindererkrankungen hat eine so große Krankheitslast wie sie Sars-CoV2-Infektion“, bekräftigte Zwiauer.

7. Sind die Impfstoffe trotz schneller Entwicklung sicher?

Ist der Impfstoff weniger sicher, weil er so schnell entwickelt wurde? – Nein, sagen Experten von allen Seiten.

An den Zulassungsstudien zu den beiden mRNA-Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna nahmen mehr als 70.000 Probandinnen und Probanden teil, beim Astra-Zeneca-Impfstoff waren es mehr als 23.000 Testpersonen. Alle Impfstoffe mussten die sonst auch geltenden Kriterien für eine Zulassung erfüllen.

Impfspezialist Herwig Kollaritsch betonte, solche hohen Testzahlen habe es in kaum einem anderen Zulassungsverfahren je gegeben. Weil bei der Entwicklung klar war, die Zeit drängt, wurden etliche Prozesse in der Zulassung optimiert („Rolling Review“). Arzneimittelbehörden beginnen dabei schon während laufender Entwicklungen mit ihren Begutachtungen. So kann das nachfolgende Zulassungsverfahren dann verkürzt werden, weil vieles schon abgeklärt wurde. „Die Behörde hat kontinuierlich mit den Firmen gearbeitet“, erklärt auch Markus Müller, Rektor der MedUni Wien. Vulnerablere Gruppen wie Kinder wurden in den Studien noch nicht getestet. Für sie wurde die Impfung auch erst später empfohlen.

Auch Martin Moder, PhD – Science Buster und Molekularbiologe – hat einen Beitrag zur Erforschung der Covid-19 Impfstoffe

Über 5 Milliarden verabreichte Impfdosen. Mehr als 30.000 Forschungsarbeiten, die man zu „Covid-19 vaccine“ auf PubMed Central findet. Können wir endlich aufhören mit diesem „diE ImPfStOfFe sInD zU wEnIg UnTeRsUcHt“? Langsam wirds peinlich …

8. Wie bedenklich sind Meldungen über Komplikationen?

Experten verweisen unisono darauf: Impfkomplikationen sind von Impfreaktionen zu unterscheiden. Letztere seien erwartbar, etwa Kopfschmerzen, leichtes Fieber oder Schmerzen an der Einstichstelle. Solche Reaktionen verschwinden meist nach zwei Tagen von selbst. 

Für Aufregung sorgen  immer wieder einzelne Meldungen über schwere Folgen. Bei genauer Analyse gibt es jedoch Erklärungen. Ein Beispiel: In Norwegen sind 23 hochbetagte Menschen kurz nach dem Erhalt der ersten Impfdosis verstorben. Die Medizinerin Sara Viksmoen Watle vom norwegischen Institut für Public Health: „Diese tragischen Zwischenfälle betrafen ältere, ernsthaft geschwächte Menschen. Das bedeutet aber keinen kausalen Zusammenhang zwischen Impfung und Tod dieser Menschen.“

Herkömmliche Nebenwirkungen wie Fieber könnten bei besonders Geschwächten zur weiteren Verschlechterung des Zustands beitragen. Institutsdirektor Steinar Madson betonte, dass die Situation nicht alarmierend sei und das Risiko der Impfstoffe sehr gering sei, „mit einer kleinen Ausnahme für die gebrechlichsten Menschen“. Hier sollte man besonderes Augenmerk auf die Impftauglichkeit an sich legen.

9. Wirkt die Impfung überhaupt gegen die neuen Varianten?

Ja, sie wirkt.

Die Wirkung der mRNA-Impfstoffe gegen die britische und die südafrikanische Variante wurde in Studien bereits erwiesen, sagt Impfstoffentwickler Otfried Kistner. Die brasilianische Variante werde gerade im Labor getestet. „Prinzipiell betreffen diese Mutationen immer nur kleine Abschnitte im Spike-Protein. Mit der Impfung erzeugen wir aber gegen viele dieser Abschnitte Antikörper“, erklärt Herwig Kollaritsch.  Das Schlimmste, was passieren könnte, sei wohl eine leichte Verringerung der Wirksamkeit. Spezialisten sind aber auch zuversichtlich, dass man die Impfung schnell – sogar innerhalb weniger Tage – adaptieren könnte, sollte es notwendig sein.

Der Virologe Lukas Weseslindtner von der MedUni Wien ergänzt außerdem,  dass durch jede Impfung nicht nur Antikörper, sondern auch T-Zellen gebildet würden, die eine Erkrankung am Coronavirus in jedem Fall abmildern würden. 

Fazit: Im schlimmsten Fall könnte die neutralisierende Wirkung durch Antikörper etwas schwächer ausfallen, aber nicht aufgehoben sein. Darüber hinaus setzen bei der Abwehr nämlich auch andere Mechanismen ein, wie T-Zellen oder sogenannte Gedächtniszellen.

10. Soll ich auf eine „andere Impfung“ (zB Totimpfstoff) warten?

Bis Totimpfstoffe zur Verfügung stehen, wird es noch Monate dauern. Die Chance sich bis dahin zu infizieren und dann zu erkranken sehr hoch.

Zur Impfung unetschlossene Menschen haben viele Argumente. Eines davon ist „Ich warte noch. Auf Totimpfstoffe, wie etwa auf ein österreichisches Vakzin.“ Ojan Assadian, Ärztlicher Leiter des Landesklinikums Wr. Neustadt und Spezialist für Infektionserkrankungen sagt dazu: „Zwar gibt es nun eine Reihe von Totimpfstoffen, kein einziger Hersteller solcher Impfstoffe hat aber bisher Unterlagen an eine Zulassungsbehörde abgegeben. Auch wenn kein Grund vorliegt zu denken, dass z.B. Totimpfstoffe besser oder anders wären als z.B. mRNA Impfstoffe muss schon klar betont werden, dass andere Impfstoffe oder ein ‚österreichischer Impfstoff‘ kaum vor dem Ende der 4. Welle verfügbar sein wird. Spannend ist übrigens, dass gerade am mRNA Impfstoff Comirnaty (Biontech/Pfizer) niederösterreichische Biotechunternehmen beteiligt sind. Wenn man also auf einen ‚österreichischen‘ Impfstoff wartet, kann man nur sagen, dieser liegt bereits zugelassen mit sehr guter weltweiter Erfahrung vor.“

11. Ich habe doch ein gutes, starkes Immunsystem, ich war nie wirklich krank?

Häufig denken manche, dass man ja ein gesundes Immunsystem habe und daher die Impfung nicht brauche. Ein starkes Immunsystem kann zwar in manchen Fällen das Risiko einer schweren Erkrankung nach Infektion zwar mildern, jedoch gibt es genügend Fälle, wo „junge, gesunde“ Menschen nach einer Infektion intensivpflichtig wurden oder gar verstorben sind. Das sollte man den minimalen Risiken einer Impfung gegenüberstellen.

Viele sind auch der Ansicht, dass das Immunsystem gesunder Menschen mit dem Virus klarkommt, und im schlimmsten Fall nur zu einer Grippe führt. Ojan Assadian, Ärztlicher Leiter des Landesklinikums Wr. Neustadt und Spezialist für Infektionserkrankungen: „Leider ist diese Annahme falsch. Wir wissen nun sehr genau,  dass von allen ungeimpften Personen, die SARS-CoV-2 PCR positiv werden, etwa  85% ohne Symptome bleiben, rund 14% an Covid-19-Erkranken, und 0,8-1% schwerst intensivpflichtig werden. Dieses Verhältnis finden wir weltweit. Eine Ausnahme sind Kinder, die wesentlich häufiger ohne Symptome bleiben. Aber auch hier kennen wir, wenn auch nur wenige, Fälle von Covid-19 bei Kindern. Der wesentliche Punkt hier ist, dass derzeit niemand, der nicht geimpft ist, vorhersehen kann, in welche der drei Gruppen er fallen wird.“

Manche Menschen, die selten oder nie krank sind, gehen davon aus, dass ihr Immunsystem mit dem Virus gut fertig wird. Und dass die Impfung gegen Covid 19 dieses gut funktionierende Immunsystem stören könnte. Doch das stimmt so nicht. Denn das Sars-Cov-2-Virus ist nicht vergleichbar mit z. B. relativ harmlosen Rhinoviren, es fordert das Immunsystem ziemlich heraus. Dazu kommt, dass es der Körperabwehr noch gänzlich unbekannt ist. Üblicherweise hat es diese aber mit Pathogenen zu tun, die ihr in irgendeiner Form zumindest schon einmal präsentiert wurden.

Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf umso niedriger, je jünger und fitter man ist, da hier das Immunsystem noch agiler ist. Dessen Effizienz nimmt nämlich mit zunehmenden Lebensjahren ab. Ein sicherer Schutz sind diese beiden Faktoren aber nicht. Und kommt das Immunsystem nicht mehr mit dem Virus zurecht, entsteht eben ein schwerer Verlauf, wie Virologe David Weseslindtner vom Zentrum für Virologie an der Med-Uni Wien erklärt: „Nicht allein das Virus ist für einen schweren Krankheitsverlauf verantwortlich, sondern eine unspezifische, überschießende Immunreaktion, die im Lauf der länger anhaltenden Virusinfektion entsteht. Diese Entgleisung scheint proportional zum zunehmenden Lebensalter und bei bestimmter genetischer Prädisposition häufiger aufzutreten. Je älter wir werden, desto ungewohnter ist es für unser Immunsystem also, sich mit einem völlig unbekannten Erreger zum ersten Mal auseinanderzusetzen. Das kindliche Immunsystem tut sich da offensichtlich leichter.“

12. Kann man auch mit Impfung schwer an Covid-19 erkranken?

Ja, aber nur wenige Menschen. Die fehlende Schutzwirkung hängt meist an Vorerkrankungen oder einem höheren Alter. Die vom Gesundheitsministerium zur Verfügung gestellten Daten erlauben einen Rückschluss darauf, dass die überwiegende Mehrheit der Covid-Intensivbetten in Österreich von nicht vollständig Geimpften belegt wird. Mit Stichtag 14. September benötigten in den Covid-Abteilungen 201 Personen eine intensivmedizinische Betreuung. 178 Erkrankte, das sind rund 89 Prozent, waren ungeimpft beziehungsweise nicht vollständig geimpft. Elf Prozent – im Detail 23 Patientinnen und Patienten – waren vollständig geimpft.

Im Normalpflegebereich sieht die Situation bei den Covid-Patientinnen und -Patienten etwas anders aus: Hier zeigt sich, dass im Vergleich zu Intensivstationen auch mehr Geimpfte auf einem normalen Spitalsbett landen. Mit Stichtag 14. September lagen 148 vollständig geimpfte Personen auf einem Normalbett, das war zu diesem Zeitpunkt jede vierte Person. Rund 75 Prozent waren aber ungeimpft beziehungsweise nicht vollständig geimpft.

Von 806 Hospitalisierten sind 635 ungeimpft, auf der Intensivstation sind 89% ungeimpft. Stand 14.09.2021

Ja, Geimpfte können sich infizieren. „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person trotz vollständiger Impfung PCR-positiv wird, ist bereits niedrig, aber nicht Null“, schreibt das RKI. Dabei spricht man von einem sogenannten „Impfdurchbruch“. Solche Impfdurchbrüche sind möglich, da eine Impfung nie hundertprozentigen Schutz bietet. Das US-amerikanische Center for Disease Control and Prevention (CDC) sieht das ähnlich: „Erste Hinweise deuten darauf hin, dass Infektionen bei vollständig geimpften Personen, die durch die Delta-Variante von SARS-CoV-2 verursacht werden, auf andere Personen übertragbar sein könnten; die Übertragung von SARS-CoV-2 zwischen nicht geimpften Personen ist jedoch die Hauptursache für die weitere Ausbreitung.“

Zur Frage, wie ansteckend Personen mit Impfdurchbruch sind, gibt es jetzt erste gesicherte Daten. Eine britische Studie, die auf dem Preprint-Server medRxiv publiziert wurde, fand heraus, dass diese Personen das Virus definitiv weniger stark verbreiten. Bei der Delta-Variante, die mittlerweile die überall vorherrschende ist, ist die Weitergabe bei Impfdurchbruch nach Biontech/Pfizer um 65 Prozent reduziert, bei Impfdurchbruch nach Astra Zeneca ist sie um 36 Prozent verringert. Ist man selbst geimpft und deshalb gut vor einer Ansteckung geschützt, kann man also auch Menschen mit Impfdurchbrüchen relativ entspannt gegenübertreten. Dazu kommt, dass Menschen mit Impfdurchbrüchen nur in sehr seltenen Fällen schwer erkranken. Die wenigen, bei denen es dennoch passiert, bringen das Gesundheitssystem nicht an seine Grenzen. Wie häufig bzw. gefährlich Impfdurchbrüche sind, zeigen aktuelle Zahlen aus Wien: Mit Stand 4. Oktober 2021 waren 6.247 aktive Fälle gemeldet. Von denen waren 76 Prozent ungeimpft, 6 Prozent einmal und 17 Prozent zwei Mal geimpft. 82 Prozent der Erkrankten waren unter 50 Jahre alt, nur drei Prozent über 80. Das liegt auch daran, dass in dieser Gruppe die Durchimpfungsrate besonders hoch ist.

Gefährdet für einen schweren Verlauf bei Impfdurchbrüchen sind übrigens die gleichen Personen wie jene, die auch ohne Impfung gefährdet sind: Ältere, chronisch Kranke, Menschen mit Vorerkrankungen, Krebspatienten. Denn bei ihnen allen ist das Immunsystem geschwächt – ein Grund mehr, warum gesunde Menschen sie schützen sollten, indem sie sich impfen lassen. Menschen, die besonders gefährdet sind, etwa jene, die eine Chemotherapie machen müssen, kann man zusätzlich schützen, indem sich auch Geimpfte vor einem Treffen testen lassen.

Interview mit Ojan Assadian, Ärztlicher Leiter des Landesklinikums Wiener Neustadt und Spezialist für Infektionserkrankungen

„Leider ist es trotz besseren Wissens und klaren Empfehlungen von  Experten dazu gekommen, dass wir mit einer nicht ausreichend durchimunisierten Bevölkerung aus dem Urlaub in den Herbst gehen. Bei derzeit weniger als 60% vollständig geimpfter Menschen wird eine 4. Welle fast im Ausmaß der 3. Welle leider unausweichlich werden“, sagt Ojan Assadian, Ärztlicher Direktor im Landesklinikum Wiener Neustadt . Die Zahlen steigen seit Ende August nun wieder deutlich und spürbar an. Assadian: „Ich gehe aufgrund der aktuellen Infektionsepidemiologie und das faktisch vollkommene Präsens der Delta-Variante davon aus, dass die 4. Welle etwas unter den Zahlen der 3. Welle liegen wird, uns in den Gesundheitseinrichtungen aber über Wochen bis Monate wieder sehr stark bis stark unter Druck setzen wird.“ 

Nicht-geimpfte Intensivpatienten

„Anfang September gab es in den Krankenhäusern in Niederösterreich 83 Covid-19-Patienten, davon 29 schwerst krank an den Intensivstationen. „Zusätzlich kommen noch 65 Patienten hinzu, bei denen der Covid-19 Status derzeit mittels PCR geklärt wird. Beinahe 100% dieser Patienten sind nicht geimpft. Bei den wenigen Fällen die geimpft sind, beispielsweise Dialysepatienten, handelt es sich um Patientengruppen, von denen wir aufgrund zahlreicher Studien wissen, dass der Erkrankungsschutz von 95-98% von nicht-Risikogruppen nur bei 65% liegt“, so Assadian.

In Wien waren am 4. Oktober 2021 insgesamt 292 Menschen mit Covid-19 im Krankenhaus. 200 Personen waren auf der Normalstation, davon 37 vollständig geimpft.

Von 92 Intensivpatienten waren sieben vollständig geimpft. Die Sieben-Tage-Inzidenz für Wien lag zu diesem Datum unter Ungeimpften und einmal Geimpften bei 373, bei vollständig Geimpften lag sie bei 43 (Quelle für alle Zahlen: Büro des Gesundheitsstadtrats von Wien, Peter Hacker). Umgekehrt zeigen Berechnungen der Gesundheit Österreich GmbH, dass es von Februar bis September 2021 in Österreich durch die Impfungen 11.577 weniger Krankenhausaufenthalte, 3.186 weniger Intensivpatienten und 3.587 weniger Tote gab. Dieser positive Effekt könnte sich mit mehr Impfungen noch steigern. „Die Datenlage ist eindeutig. Der überwiegende Teil kritisch erkrankter Personen in den Spitälern ist nicht vollständig immunisiert“, betont dazu Intensivmediziner Walter Hasibeder, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), in einer Aussendung.

Auch der Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Universität-Krems stellt klar: „Die nächste Welle werde eine Welle unter den Ungeimpften sein“

13. Sind Supermärkte „pandemische Wunder“?

Es kursieren Meldungen, dass dass Supermärkte augenscheinlich nie schließen mussten oder ein Hotspot waren. Doch das ist nicht wahr.

Supermärkte sind unbestritten eines der am häufigsten besuchten Orte während der Corona-Pandemie. Da müssten sie doch eigentlich ein ständiger Hotspot zur Verbreitung des SARS-CoV-2 Virus sein und demnach auch geschlossen werden, wird häufig gemutmaßt. Doch da hat jemand ein wenig zu kurz gedacht und nicht richtig nachgeschaut. Auch in Supermärkten kam es zu Infektionen, einige Supermärkte mussten auch schließen.

zum Artikel auf mimikama.at

14. Zehn Gründe für eine Impfung

Gerry Foitik vom Roten Kreuz hat Zehn Gründe für eine Impfung in einem Twitter-Beitrag sehr gut zusammengefasst -> HIER KLICKEN

15. Zum Abschluss empfehlen wir noch einen Podcast der Journalistin und Publizistin Ingrid Brodnig und des Molekularbiologen Martin Moder

Wie kann man mit Menschen reden, die skeptisch sind bei der Corona-Impfung & die Falsches hörten?

Quellen:

Für die fachliche Richtigkeit verantwortlich: Dr. Christian Fohringer (Chefarzt Notruf NÖ)